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Essay "Sohn des Bärenjägers"

Daten

TitelSohn des Bärenjägers
AutorRolf Dernen

Zugeordnete Texte

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TitelUntertitelKurzbemerkung
Der Sohn des Bärenjägers Buchausgabe
Der Sohn des Bärenjägers Zeitschriftenfassung

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Bärenjäger, Ölprinz & Co. - Karl Mays Jugenderzählungen

Aus der Werkstatt eines Erfolgsschriftstellers IV

Karl May, ein reiner Jugendschriftsteller? Da streiten sich die Geister, und über Für und Wider ließe sich eine längere Abhandlung schreiben.

Unbestritten direkt für die Jugend schrieb May acht Erzählungen, nämlich "Der Sohn des Bärenjägers", "Der Geist des Llano Estacado", "Kong-Kheou, das Ehrenwort" (später: "Der blaurote Methusalem"), "Die Sklavenkarawane", "Der Schatz im Silbersee", "Das Vermächtnis des Inka", "Der Ölprinz", und "Der schwarze Mustang". Diese Werke werden im Gegensatz zu den Reiserzählungen als "Jugenderzählungen" bezeichnet und einige davon, allen voran der "Silbersee", wurden zu Mays größten Erfolgen.

Werfen wir wieder einmal einen Blick auf Karl Mays Lebenssituation: Fünf umfangreiche Lieferungsromane hatte der Autor zwischen 1882 und 1887 für den Verlag Münchmeyer geschrieben, dann aber eröffnete sich für ihn eine seriösere Plattform, nämlich die von dem angesehenen Stuttgarter Verleger Wilhelm Speemann neu gegründete Jugendzeitschrift "Der Gute Kamerad". Bereits im November 1886 hatte May mit "Der Sohn des Bärenjägers" begonnen; die Erzählung erschien in dem neuen, gut gemachten Blatt ab dem 8. Januar 1887. May, der seit über drei Jahren mit seiner ersten Frau Emma in Dresden lebte, konnte sich im Sommer 1887 endgültig vom Kitsch- und Kolportageverleger Münchmeyer lösen und gewann auch privat Abstand zu diesem Milieu. Ein sechster Münchmeyer-Roman mit dem Titel "Delilah" wurde nach wenigen Seiten abgebrochen, May schrieb nunmehr in erster Linie seine Reiseerzählungen für die Zeitschrift "Deutscher Hausschatz" und eben die Jugendromane für den "Kameraden". Reich wurde May dadurch allerdings nicht, im Gegenteil:
Im Frühjahr 1888 konnte er weder Hausmädchen noch Miete bezahlen. Er zog wieder mal um, und zwar nach Kötzschenbroda (das heute zu Radebeul gehört), und trug sich dort im Einwohnerregister als "Dr. phil. Karl May, Schriftsteller" ein; eine Titelanmaßung, die ihm später Ärger einbringen sollte. May, der gerne studiert hätte, konnte ja nur eine Lehrerausbildung vorweisen, und auch die Ausübung dieses Berufes war ihm aufgrund seiner Straftaten in jungen Jahren lebenslang verboten worden. Aber "Lehrer seiner Leser", das wollte er sein, und das gelang ihm mit den "Kamerad"-Erzählungen auch.

May vermittelte hier sorgfältig recherchierte geographische und naturkundliche Kenntnisse ohne erhobenen Zeigefinger und mit viel Humor.
Besonders die von konfusem Halbwissen strotzende und von Dialogpartnern stets korrigierte Figur des Hobble Frank diente diesem Zweck.

Bis 1897 schrieb May für den "Guten Kamerad" die oben erwähnten Erzählungen nebst kürzeren Beiträgen. Bereits im Dezember 1888 wurden in einem Vertrag Buchausgaben in Aussicht gestellt, die zwischen 1890 und 1899 in der von Speemann 1890 mitgegründeten "Union Deutsche Verlagsgesellschaft" auch kontinuierlich erschienen. Es waren sehr schön aufgemachte illustrierte Bände, allerdings drei Mark teurer als die ab 1892 im Verlag Fehsenfeld herausgegebenen grün gebundenen Reiseerzählungen (4 Mark).
Vielleicht waren die Union-Bände daher zu Mays Lebzeiten nicht so erfolgreich. Nach der Übernahme in die Gesammelten Werke des Karl-May-Verlages (KMV) verkaufte sich dann aber beispielsweise der "Silbersee" fast genau so gut wie "Winnetou I", Mays absoluter Bestseller.

"Die Helden des Westens", so sollte die Reihe der Union-Buchausgaben heißen, und so steht es auch im ersten Band "Der Sohn des Bärenjägers". Dieser Reihentitel wurde sehr schnell ersatzlos gestrichen, er hätte auch garnicht gepasst, denn der nächste Band war das China-Abenteuer "Der blau-rote Methusalem", gefolgt von der im Sudan spielenden "Sklavenkarawane". - Aber zurück zum "Bärenjäger", mit dem wir uns exemplarisch etwas näher beschäftigen wollen: Die Titelerzählung beendete May in der Zeitschriftenfassung Ende 1887 und schloss daran sofort die Erzählung "Der Geist der Llano estakata" an. Beide Texte bildeten die Buchausgabe unter dem Titel "Der Sohn des Bärenjägers", in der die "Geist"-Erzählung in korrigierter Schreibweise "Der Geist des Llano estakado" heißt. Der Band erhielt nach Aufnahme in die Gesammelten Werke des KMV 1914 den Titel "Unter Geiern". Ironischerweise ist dies heute einer der bekanntesten May-Titel, der aber gar nicht vom Autor selbst stammt.

Mit der Buchausgabe von "Bärenjäger" und "Geist" hatte May allerdings einige Probleme; er konnte den Text des Zeitschriftenabdruckes nicht unverändert übernehmen. Die erste Begegnung von Winnetou und Old Shatterhand hatte er dort in einem Gespräch zwischen dem Apachenhäuptling und den Häuptling der Schoschonen anders erzählt als in seiner für den "Deutschen Hausschatz" geschriebenen Geschichte "Der Scout". Daher strich May das Gespräch neben ein paar weiteren Passagen, da auch der Zeitschriftentext für die Buchausgabe etwas zu umfangreich war. (Auch die "Scout"-Fassung verwarf er übrigens später und schuf 1893 für "Winnetou I" die endgültige Version des Kennenlernens der beiden Helden.) Allgemein war Mays Mitarbeit an der Buchausgabe einigermaßen zögerlich, so dass Speemann ihn mehrmals drängen musste, und auch den Wunsch des Verlegers, beide Erzählungen mehr miteinander zu verzahnen, erfüllte der Autor nicht. Ein Kuriosum ist eine Textänderung, die wegen eines Fehlers des Illustrators Karl Weigand vorgenommen werden musste. Dieser hatte einen weißen Banditen als Indianer dargestellt, eine Korrektur war aus Zeitgründen nicht mehr möglich, und daher veränderte die Redaktion den Text dahingehend, dass sie den "Llano-Geier" sich als Indianer verkleiden ließ. Der Verlag ging von Mays "freundlicher Zustimmung zu diesem Ausweg..." aus. Dieser erhob keinen Einspruch; zehn Jahre später und mit dem gestiegenen Selbstbewusstsein des Autors hätte das wohl ganz anders ausgesehen.

Die Jugenderzählungen Mays unterscheiden sich von seinen Reiseerzählungen. Die Erzählposition ist eine andere, es gibt kein erzählendes "Ich", geschildert wird in der 3. Person, eine Technik, die die Möglichkeit bietet, zwischen verschiedenen Personengruppen und Handlungssträgen hin- und herzuspringen, Gleichzeitigkeiten nacheinander zu schildern oder in der Zeit zurück zu gehen. May beherrschte dies sehr gut, immerhin hatte er jahrelange Routine bei den ebenfalls in der 3. Person erzählten Kolportageromanen gewonnen. Die Oberhelden wenigstens der im Wilden Westen spielenden Union-Erzählungen sind die gleichen wie in den Reiseerzählungen. Winnetou und Old Shatterhand kommen in beiden Romanformen vor, und die spitzfindige Frage, ob es denn der gleiche Old Shatterhand hier wie dort ist, wird in der Reiseerzählung "Old Surehand" beantwortet: Old Shatterhand, das erzählende "Ich", referiert dort seitenlang die Geschehnisse um den "Geist des Llano Estakado" als eigenes Erlebnis. - Auch das "Kleeblatt" - Hawkens, Stone und Parker - tritt sowohl in der "Winnetou"-Trilogie wie auch in der Jugenderzählung "Der Ölprinz" auf, wohingegen Hobble Frank und Tante Droll den Union-Romanen vorbehalten bleiben.

Die auf die jugendlichen Leser abgezielte pädagogische Funktion des Hobble-Frank wurde oben bereits erwähnt. Eine ähnliche Funktion hat der Ungar Istvan Uszkar in der "Sklavenkarawane". Auch er verwechselt ständig Begriffe und wird von seinen Mitreisenden korrigiert. Als Identifikationspersonen für die Zielgruppe der jungen Leser setzte May konsequent jugendliche Helden ein, wie etwa Martin Baumann, Wokadeh und Bloody Fox in "Bärenjäger"/"Geist" ; Ellen, den "Kleinen Bären" und Fred Engel im "Silbersee" oder Haukaropora im "Vermächtnis des Inka". Man wirft May heutzutage vor, seine Helden seien allesamt Deutsche, was angesichts der amerikanischen und indianischen jungen Menschen, die in den Jugenderzählungen wichtige Rollen spielen, als Pauschalisierung zurückgewiesen werden kann.

May, der verhinderte Schulmeister, vermittelte die Kenntnisse, die er den Lesern nahe bringen wollte, eben nicht auf "schulmeisterliche" Art. Die Informationen über Länder und Bevölkerungeen integrierte er in die Handlung und vermittelte so Inhalte auf fortschrittlichere Art als das zur damaligen Zeit in den Schulen geschah, wo das Einpauken noch der Normalfall war, wo stets der moralische Zeigefinger erhoben wurde und es letztlich darum ging, den perfekten Untertanen zu produzieren. Der Autor betrieb wie immer umfangreiche Quellenstudien, verwendete Werke wie "Petermanns Geographische Mitteilungen" und zitierte im "Bärenjäger" sogar das US-Gesetz, das das Yellowstone-Gebiet bereits 1872 zum Nationalpark erklärt. Übrigens der erste der Welt; May spricht von einem "Geschenk, von dessen Größe man damals noch gar keine Ahnung hatte".

Karl May hat die Union-Erzählungen so ziemlich in einem Guss geschrieben, daher habe ich sie in diesem Beitrag zusammengefasst. Eine Besonderheit sei aber noch anzumerken: Das Anfangskapitel von "Der Schatz im Silbersee basiert auf der frühen Erzählung "Inn-nu-woh, der Indianerhäuptling", die 1875 in der Zeitschrift "Deutsches Familienblatt. Wochenschrift für Geist und Gemüth zur Unterhaltung für Jedermann" (Verlag Münchmeyer, Dresden) abgedruckt wurde. Es dürfte diese Erzählung sein, von der May in seiner Autobiographie "Mein Leben und Streben" über seine schriftstellerischen Anfänge schreibt: "Im ersteren Blatte ['Familienblatt'] begann ich sofort mit 'Winnetou', nannte ihn aber einem andern Indianerdialekt gemäß einstweilen noch In-nu-woh [sic!]."

Mays letzte Jugenderzählung, "Der schwarze Mustang", erschien im "Guten Kameraden" ab September 1896. Zu dieser Zeit hatte sich das Verhältnis zwischen Autor und Verleger verschlechtert und May machte sich daran, das Verhältnis zu Speemann und dem Union-Verlag zu lösen. Der Verlag unterbreitete ihm am 4. Mai 1897 einen neuen Vertragsentwurf, es war vergebens.
Der "Mustang" war schon deutlich kürzer als die anderen Romane und erschien in Buchform erst 1899, jedoch in anderer Aufmachung als die übrigen Jugenderzählungen. Im Karl-May-Verlag erschien diese Erzählung in stark bearbeiteter Form ab 1916 in dem Sammelband "Halbblut", während der Union-Verlag das Werk weiterhin unter dem Originaltitel herausbringen konnte, allerdings ab 1918 im Wortlaut der KMV-Bearbeitung, die in den letzten Jahren wieder "rückbearbeitet" wurde, leider nur halbherzig.

Mays Jugenderzählungen haben die Zeit ebenso überdauert wie die Reiseerzählungen. Sie lieferten Vorlagen für Bühne, Rundfunk und Film und sind bis heute eben "Karl-May-Klassiker".

Rolf Dernen

Dieser Beitrag stammt mit freundlicher Genehmigung des Autoren und der Redaktion aus "Karl May & Co.", dem Karl-May-Magazin.